Vegan….

…. oder warum es für andere wichtig ist, womit ich Teller und Magen fülle.
Diese Überschrift passt für mich wohl am besten. Ich hätte auch „wie aus einem Ernährungsexperiment ein Gesellschaftsexperiment wurde“ oder „Vegan – und wann fängst du an dich zu ritzen?“ wählen können, wollte aber nicht sofort mit der Überschrift Unwohlsein erzeugen.

Ich hatte schon lange darüber nachgedacht, mich mal eine Zeit lang vegetarisch oder sogar vegan zu ernähren, aber irgendwie nie den richtigen Zeitpunkt erwischt. Mein Papa hatte es bereits vorgemacht und gemeinsam mit seiner Frau einen strikt veganen Monat aus dem Ärmel geschüttelt. Damals fand ich die Sache aber eher uninteressant bzw. sogar eher abschreckend. Wieder so ein Firlefanz, dachte ich. Aber was soll`s, Hauptsache glücklich. Menschen und ihre Projekte tolerieren konnte ich irgendwie schon immer. Wenn ich etwas seltsam finde habe ich sogar häufig das Interesse, selbst auszuprobieren, was ich da verurteile. Ich finde nämlich, dass man nicht rummeckern sollte, bevor man sich nicht mit einem Thema ausreichend auseinander gesetzt hat. Also habe ich aufgehört vegane Ernährung seltsam zu finden und angefangen, auszuprobieren.

An einem ungeplanten Samstag hat es einfach „klick“ gemacht. Ich habe Bücher gekauft und die ersten Rezepte getestet. Und ich fand wirklich vieles ziemlich lecker. Was mich aber sofort gestört hat? Plastik. Überall Plastik. Vegane Wurst zum Beispiel konnte ich ja nicht mehr einfach an der Theke kaufen und meine eigene Verpackung nutzen. Und die Preise für Fleischersatzprodukte haben es auch ganz schön in sich.
Aber darüber habe ich mich relativ schnell schon gar nicht mehr geärgert. Was mich viel mehr entsetzt hat, waren die Reaktionen meiner Mitmenschen. Mein Mann war noch relativ entspannt, merkte aber umgehend an, dass er davon ausgehe, dass ich jetzt nicht ein Leben lang vegan essen würde. Er wolle auch keineswegs belästigt oder genötigt werden, auf sein heißgeliebtes Fleisch verzichten zu müssen. Ich versprach, dass ich niemals nie nötigen , mich aber freuen würde, wenn er ein paar Gerichte einfach ausprobieren würde. Das war dann unser Deal: Ich koche vegan und er isst außer Haus so wie er möchte oder brät sich selbst ein Steak zum Essen, wenn ihn die Fleisches(s)lust packt. Diskutiert haben wir trotzdem. Er: „Wenn du kein Fleisch essen möchtest, dann brauchst du auch keine Ersatzprodukte. Wer keine Salami will, kriegt auch keine Fakesalami. Basta.“ Ich: „Aber! Eine vegane Lebensweise bedeutet doch, dass man keine Tiere quälen oder töten möchte. Wenn es dann ein Produkt gibt, das gut schmeckt und für das kein Tier gestorben ist, dann ist das doch super. Warum darf mein Essen nicht schmecken und heißen wie deins?“ Was ich jetzt gelten lassen kann, ist, dass ich es schwierig finde, wenn Verbraucher durch Angaben wie „veganes Hack“ eventuell getäuscht werden könnten. Worte wie Wurst werden allgemein mit Fleisch in Verbindung gebracht und so könnte es passieren, dass jemand im Glauben Fleisch zu kaufen, vegane Wurst ersteht. Das könnte durch andere Worte für vegane Produkte verhindert werden. Generelle Worteifersüchteleien finde ich aber weiterhin, so leid es mir tut, dämlich.

Schlimmer als die Diskussionen mit meinem Mann waren aber die Kommentare anderer. Wann ich anfangen würde mich zu ritzen oder wann das wieder weggehen würde waren Fragen meiner Mitmenschen, die mich ziemlich angewidert anschauten, wenn ich Mandelmilch statt normaler Milch in den Kaffee schüttete oder Gemüselasagne zu Mittag aß. Krass, oder? Warum ist es Menschen so wichtig, die Essgewohnheiten anderer zu kommentieren? Ich habe zum Beispiel nie bewusst eine Diskussion begonnen. Ich habe geantwortet, wenn ich gefragt wurde und umgehend starteten Wortduelle, Witzschlachten und bunte Argumentationen mit gefährlichem Halbwissen. Schnell wurde ich gefragt, weshalb ich nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. „Weil ich unendlich faul bin“, meine Antwort. Aber als Veganer müsste ich doch nun den perfekten ökologischen Fußabdruck haben. Ich dürfe nicht selbst dörren, weil das Ressourcen koste und ich müsste auch mal grundlegend darüber nachdenken, ob ich noch ein Handy benutzen wolle. Ich hätte übrigens auch eine Pflicht, meinen Followern bei Instagram mitzuteilen, wo die Risiken einer veganen Ernährung liegen. Komisch. Als ich noch Fleisch und ordentlich Mayo und Käse konsumierte, hat keiner geschimpft, dass ich nicht erkläre, dass zu viel Fettkonsum eventuell Folgen für den Körper haben könnte.
Und ich merkte, dass ich mich immer unwohler fühlte, wenn ich mich zum Thema Essen äußerte oder von Freunden zum Essen eingeladen wurde. Schnell hatte ich auch keine Lust mehr, Verkäufer/innen zu erklären, weshalb ich nach veganen Brötchen frage. Ich wollte nicht mehr mitleidig angeguckt werden, wenn ich daran erinnerte, dass ich auch keinen Honig essen möchte.

Was mir auch sehr schwer fiel? Essen gehen. Ich war zwar erstaunt, dass doch recht viele Restaurants in Vechta und der nähren Umgebung vegane Gerichte anbieten, schade fand ich aber, dass ich fast immer nur ein Gericht auswählen konnte. Wenn ich jedoch mal mehr als einen Salat mit Dressing aus Essig und Öl gefunden habe, hat`s mir wirklich immer gut geschmeckt. Pizza mit Gemüse und ohne Käse ist nämlich wirklich leckerer als man denken mag.

Mein Erkenntnisgewinn? Es ist für mich richtig erschreckend, in wie vielen Produkten „Tierisches“ verarbeitet wird. Wein. Bier. Chips. Ich hätte mir vorher im Leben keine Gedanken darüber gemacht, dass auf Chips Gewürze zu finden sind, die zum Beispiel aus Wildfleisch hergestellt werden. Oder, dass Wein und Bier häufig durch Fischblasen geklärt werden. Und das geht auch wirklich ohne.
Außerdem habe ich erkannt, dass für mich persönlich die vegane Ernährungsweise mit sich gebracht hat, dass ich mich deutlich mehr mit Lebensmitteln beschäftigt habe. Ich habe Inhaltsstoffe erforscht und erkannt, wie selten sich Verkäufer/innen wirklich gut mit ihren Produkten auskennen. Fast schon witzig, in rötlich gefärbte, hektische Gesichter zu blicken, wenn ich nach tierfreien Lebensmitteln gefragt habe. Teilweise tat`s mir auch leid, teilweise hatte ich aber auch wenig Verständnis für doch so viel Unwissenheit. Hier hat sich für mich bewahrheitet, kleine, inhabergeführte Geschäfte zu nutzen und Großketten und Supermärkte bestmöglich zu umgehen.

Spannend ist vielleicht noch zu sagen, dass ich abgenommen habe. Woran das aber liegen mag (weniger Auswahl an Produkten, Stolz, der zu mehr Bewegung führte oder die rein vegane Ernährungsweise) vermag ich nicht zu sagen.

Ich versuche einfach mal, meine Erkenntnisse in 10 Punkten zusammenzufassen – ich habe nämlich das Gefühl, dass ich mich im Fließtext verlieren würde, vor lauter Emotionen rund um dieses Thema:

  1. Vegan bedeutet vorrangig, dass man auf Produkte verzichtet, die tierischen Ursprungs sind. Viele Veganer achten auch auf Umwelteinflüsse und umgehen zum Beispiel Großkonzerne, die ihre Mitarbeiter Ausbeuten oder in Verbindung mit Tierversuchen stehen. Eigentlich hat das Wort „vegan“ aber ganz konkret nichts mit einem ökologischen Fußabdruck sondern nur mit der Verhinderung des Ausbeutens und Leidens von Tieren zu tun.
  2. Vegan ist nicht immer gesund. Als Veganer könnte man sich den lieben langen Tag von Pasta oder Pommes mit Ketchup ernähren. Das ist nicht unbedingt ausgewogen und schon gar nicht gesund für den Körper. Wichtig ist, wie bei jeder Ernährungsweise, dass dem Körper wichtige Stoffe zugeführt werden. Vitamin B 12 muss von vielen Veganern zugeführt werden, weil dieses sonst nur durch den Konsum von Fleisch aufgenommen werden kann. Ich habe aber auch schon von Veganern gehört, die nicht supplementieren und trotzdem ein perfektes Blutbild haben. Wichtig ist jedoch zu erwähnen, dass die Folgen eines B12-Mangels häufig zu spät erkannt werden und immens sein können. Also ist hier Vorsicht geboten.
  3. Vegane Ernährung ist einfacher als man meint. Hat man erstmal einen Grundstock an Produkten im Haus und ist auf Heißhungerattacken vorbereitet, geht`s wie von selbst.
  4. Vegan kann richtig lecker sein. Ich hatte das Gefühl, dass ich Obst und Gemüse „reiner“ schmecke. Dadurch, dass ich wenig fettige Geschmacksträger (Käse und Co) verwendet habe, kam der ursprüngliche Geschmack der Lebensmittel deutlich besser durch. Das war anfangs seltsam, ist jetzt aber richtig cool.
  5. Anfangs hatte ich das Gefühl, dass ich mehr Geld für meine Einkäufe ausgebe. Und ja, veganer Süßkram ist teurer als „normaler“, aber wenn man sich etwas auskennt, weiß man irgendwann, welche Süßigkeiten in der „normalen“ Abteilung zu finden sind und trotzdem keine tierischen Produkte enthalten. Fleisch- und Käseersatzprodukte sind häufig teurer als andere, aber die kommen auch immer weniger in meinen Einkaufsbeutel. Obst und Gemüse kosten gleich viel, ob vegan oder nicht 😉 Ich hatte außerdem das Gefühl, dass ich schneller satt war. Das mag an den intensiveren Geschmäckern liegen, hatte aber den Effekt, dass mindestens eine Mahlzeit mehr für den Folgetag übrig blieb als erwartet.
  6. Vegan ist kein schönes Wort. Veganer auch nicht. Das klingt einfach unsexy. Ich bin ja sogar der festen Überzeugung, dass viele Menschen das gleiche Brot nicht mehr kaufen würden, würde auf einmal „vegan“ draufstehen. Ein Experiment wäre geil. Einfach mal mit veganen und „nicht veganen“ Äpfeln durch die Innenstadt laufen und gucken, welches Schälchen wohl zuerst leer ist. 😉
  7. Die Veganer, die ich kennengelernt habe, waren gar nicht aggressiv. Also solange man sie nicht ärgert. Was mir passiert ist und wahrscheinlich allen Veganern dieser Welt häufig passiert, geht weder auf `ne Kuh- noch auf ne Pfirsichhaut. Mir wurde Fleisch unter die Nase gehalten, meine Tofuwurst wurde zum Sinnbild von Regenwaldvernichtung erkoren, ich wurde kritisiert und ausgelacht. Und dann ewig ganz locker durch die Hose atmen? Das fällt wirklich schwer. Redet doch einfach normal miteinander und fertig.
  8. Viel zu viele Gastronomen und Verkäufer/innen haben deutlich zu wenig Ahnung von ihren Produkten oder von der veganen Lebensweise. Lasst euch Listen der Inhaltsstoffe zeigen und versucht bestenfalls viele Produkte auch einfach selbst herzustellen. Dann gibt es keine Probleme.
  9. Es scheint bereits einen großen Markt für vegane Produkte zu geben. Fragt in Restaurants nach veganen Gerichten und ladet euch zum Beispiel die App Codecheck herunter. So könnt ihr immer sehen, ob die Produkte in eurem Einkaufswagen vegan sind oder nicht.
  10. Es schadet definitiv nicht, sich mit Tierhaltungsbedingungen auseinanderzusetzen. Schaut euch an, wie die Tiere gehalten und getötet werden und entscheidet dann, wie ihr euch ernähren wollt. Für mich ist jede Ernährungsweise ok, ich wäre jedoch dafür, dass jeder wissen sollte, wo sein Essen herkommt und wie es gelebt hat.

Ich glaube, dass trifft es zusammenfassend ganz gut. Wer Fragen dazu hat, darf sich gerne hier oder bei Instagram melden.

Wie geht es jetzt für mich weiter?
Da ich mich während meines Versuchs auch mit Tierhaltungsbedingungen beschäftigt und Dokumentationen gesehen habe, hatte ich zwischenzeitlich wirklich die Idee, langfristig auf Tierprodukte verzichten zu wollen. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass ich je wieder in der Lage sein würde, Chickenwings, Burger oder knusprigen Bacon zu essen.

Nun kam es aber anders. Nicht so schlimm anders, aber doch etwas anders. Ich habe für mich eine Entscheidung getroffen. Ich werde versuchen, weiterhin so gut, wie für mich möglich, vegan zu leben. Ich werde möglichst keine Fertigprodukte mit tierischen Inhalten konsumieren und die vegane Variante im Restaurant wählen, wenn diese mich ausreichend anspricht. Ich werde nur noch Fleisch essen, wenn ich weiß, dass das Tier anständige Haltungsbedingungen hatte. Ich möchte den Hof kennen, auf dem das Tier gelebt hat und mit dem Bauern ein Pläuschchen über seine Ansichten gehalten haben. Ich werde weiterhin Mandelmilch statt normaler Milch in meinem morgendlichen Müsli verarbeiten, aber auch nicht davor zurückscheuen, Milch zu trinken, wenn ich weiß, wie die Milch hergestellt worden ist. Ich werde auch versuchen, vegan zu kochen und trotzdem Plastik zu vermeiden. Ich werde meinen ökologischen Fußabdruck aufhübschen und versuchen, mir noch mehr Gedanken um die Welt zu machen.

Wenn ich weiß, wo der Käse herkommt, wie er entstanden ist und wer hinter dem Produkt steht, werde ich weiterhin Käseliebhaber sein. In Massen wird aber definitiv nicht mehr gekauft. Umdenken ist angesagt.

Ich bin keineswegs perfekt. Und wahrscheinlich bekomme ich jetzt Ärger von veganen Aktivisten. Vielleicht sind sogar einige Veganer von mir enttäuscht, weil sie doch glaubten, dass ich das Potential gehabt hätte, eine von ihnen zu werden. Aber ich bin wohl eher eine von keinen. Ich ernähre mich, wie ich es für richtig halte und nicht, wie ein Wort oder eine gesellschaftliche Meinung es mir abverlangen möchte. Ich werde kein Wort für meine Ernährungsweise finden, wohl aber einen Wunsch formulieren:

Entspannt euch! Esst zusammen. Interessiert euch füreinander und probiert, was ihr kritisiert. Diskutiert fair und hinterfragt eure eigene Meinung. Schimpft nicht auf jeden, der nicht perfekt ist. Erlaubt unperfectness und fangt selbst klein an, etwas zu verändern. Stellt Doppelmoral auf den Prüfstand und fühlt euch nicht von anderen Weltanschauungen bedroht. Applaudiert nicht, weil ich „es nicht dauerhaft geschafft“ habe. Fragt mich aus, lest Bücher, sprecht miteinander.

Irritiert und motiviert zugleich sage ich auf Wiederlesen –
KitchIch

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